Schutzzoll oder Freihandel?

Die Läufer der 80er Jahre hatten es gut. Der Lauf auf der Straße begann seinen Siegeszug, Crosslauf war noch populär. Es gab große Laufabteilungen, nicht zusammengewürfelte LGs wie heute so oft. Geburtsstarke Jahrgänge drängten zum Sport. Triathlon galt noch als exotisch. Die deutschen Leistungsläufer lebten in einer Art Schutzzoll, im Osten vom Staat gehätschelt, im Westen von Sponsoren gefördert. In der Region war man ein kleiner König, der im Volks- oder Straßenlauf von Sieg zu Sieg eilte, zumindest in der Teamwertung. Der Westler lief unter dem Schutz von Mauer und Eisernem Vorhang ohne Konkurrenz aus dem Osten. Vereinzelt tauchte mal ein Student aus Afrika auf, der einem den Sieg streitig machte. Die Läufer waren motiviert, sie trainierten in Gruppen täglich viele Kilometer. Es gab sogar »Lauf-Kommunen« wie in Darmstadt oder Fürth. Der Leistungsstandard war wesentlich höher als heute. Heute haben wir Freihandel in der Laufszene.

Mit einem Drei-Monats-Visum darf ein kenianischer Läufer einreisen, wenn ein Manager oder Veranstalter für ihn bürgt. So kam es, dass bei jedem x-beliebigen Lauf plötzlich aus einem Pkw vier Kenianer sprangen, begleitet von ihrem Manager und die Prämien unter sich aufteilten. Nur wenige wurden populär wie Tendai Chimusasa oder Tegla Loroupe. Die meisten verschwanden wie sie kamen und beim nächsten Mal waren andere da. Die Laufarbeiter wurden dabei in der Regel weder reich noch glücklich, manche schnell ausgebrannt. Erst einmal mussten Flug- und Aufenthaltskosten wieder reinkommen abzüglich der Provisionen für Manager, in der Regel 15% und ca. 20% Steuer, wenn kein Schwarzgeld gezahlt wurde. Landauf-landab gewannen Kenianer, auch in den Nachbarländern. In der Gruppe war oft nicht der Beste vorn, sondern wer gerade dran war. Polen, Tschechen und Weißrussen fuhren oft samstags 1.000 bis 2.000 km in kleinen Skodas oder Ladas zu den Wettkämpfen und Sonntag abends zurück, weil der Veranstalter kein Hotelzimmer zahlen wollte. Die Grenzen lockerten sich auch für Äthiopier, wo früher wie in Osteuropa der Verband die Preisgelder kassiert hatte. In Spanien herrschte eine Zeitlang unter der sozialistischen Regierung die Regel: wer ein Rückflugticket in der Tasche hatte und 500 Euro, durfte einreisen. Viele, darunter auch einige afrikanische Läufer, nutzten dies und blieben um Asyl bittend. Das Bild wurde immer bunter durch verschiedenste Nationen in ihren politischen Krisen. Wer aus keinem Krisenland kam, schmiss seine Papiere weg und behauptete je nach Krisenlage, er sei Libanese oder Syrer, auch wenn er aus Jordanien eingereist war. Neu sind nun die sportlichen Flüchtlinge aus Ostafrika, die nicht – wie irrtümlich gemeint – auf Schiffen nach Lampedusa schippern, sondern nach einem Start bei internationalen Wettkämpfen einfach in Europa bleiben. In der Regel werden sie dazu von interessierten Kreisen animiert, ja verlockt. Zur Zeit betrifft dies hauptsächlich Eritreer. Die Verlockung ist groß, in den westlichen Industrienationen zu bleiben, nicht nur für Sportler.

Ca. 80% der jungen Menschen in Äthiopien würden sofort ihren armseligen Koffer packen, wenn sie schon mal so weit gekommen sind, nicht mehr in einem Provinzdorf in einer Holz- oder Blechhütte zu wohnen, sondern in Addis in einem winzigen Steinhäuschen ohne Wasseranschluss. Im ärmeren und repressiveren Staat Eritrea, der sich im Bürgerkrieg von Äthiopien gelöst hat, tendieren die jungen Auswanderungswilligen gegen 100%. Trotzdem sollte man m.E. diese jungen Leute nicht animieren, nach Europa oder Amerika – am liebsten wollen sie nach Kanada – zu emigrieren, sondern ihre Situation im Land verbessern. Das wusste der frühere Bundespräsident Köhler besser als der jetzige. Hilfsprogramme, um die Situation im Land zu ändern und nicht nur Regierungen mit Entwicklungsgeldern vollzustopfen, sind angesagt. Es gibt sie. Im Kleinen fördert dies z.B. Haile Gebrselassie, der ca. 400 Menschen in Äthiopien Brot und Arbeit gibt und die Athleten warnt, im Ausland zu bleiben. Freundschaften und Austausch zwischen Ostafrika und Mitteleuropa unterstreichen dies. Man sollte sich sehr überlegen, den Zustrom von Migranten zu vereinfachen. Dabei werden Läufer und Läuferinnen immer nur einen winzigen Anteil bilden. Aber man bedenke: ca. 2.000 Läufer trainieren in Camps, in losen Gruppen oder alleine Tag für Tag. Sie haben keine Arbeit und keine andere Perspektive, als ihren Vorbildern nachzuahmen und mit Laufen Geld zu verdienen. Je 2.000 in Kenia und Äthiopien, Zahlen aus Eritrea, Uganda und Tansania mit ähnlichem Reservoir an Talenten sind nicht bekannt. Vermutlich liegt die Leistungsfähigkeit dieser Unbekannten, die normalerweise nicht aus ihren Ländern herauskommen, zwischen knapp 29 bis 32 min über 10 km. Wer dort langsamer läuft, wird ausgelacht. Man sehe sich die Weltbestenlisten an und sollte sich vergegenwärtigen, dass Stefan Freigang zu seinen besten Zeiten 106. oder 108. bei Kenias Crosslaufmeisterschaft geworden ist. Sollen die alle animiert werden, nach Europa zu kommen? Es ist schön und gut, wenn unsere Straßenläufe durch Spitzenkönner aus dem Ausland angereichert werden. Aber dass man nach einem Jahr in einem deutschen Verein als Asylbewerber deutscher Meister werden kann, ist zuviel des Entgegenkommens. Im Jahr danach ist der/die auf der Durchreise nach Holland, Frankreich oder Kanada. Das gilt auch für die Blazinskis und Rybaks, die mal Pole oder Russe sein wollen und mal Deutsche. Und der deutsche Nachwuchs ist um Titel betrogen, die er braucht, wenn er schon international nicht mithalten kann. Schon bei der Cross-EM gewinnen jetzt naturalisierte Afrikaner. Gut und legitim, wenn sie den Einwanderungsprozess durchlaufen haben und Deutsche oder Spanier geworden sind (der 800-m-Weltrekordler Wilson Kipketer musste in Dänemark sieben Jahre dafür warten) und sich zur neuen Heimat bekennen. Auf einen Homiyu Tesfaye kann man hierzulande stolz sein.

Der somalische Flüchtling Mohammed Farah ist schulisch und sportlich sozusagen ein britisches Erzeugnis. Die Rasse spielt da keine Rolle. In diesem Heft lesen wir von Triathlon-Meisterschaften, wo Deutsche sich hinter Ausländern platziert haben, aber als nationale Meister gekürt wurden. Das ist in den meisten wichtigen Sportarten so. Bei US-Meisterschaften dürfen nur US-Angehörige starten. Und in Rotterdam etwa wird beim Marathon ein neues Zielband gespannt für die nationalen Meister. So sehr das nebenstehende Experiment von »offenen westdeutschen Meisterschaften« interessant ist, voll zustimmen kann man nur, wenn es auch zwei Titel gibt, den internationalen und den nationalen. Warum auch nicht? Andernfalls wächst der Frust unter den zahlenmäßig abnehmenden deutschen Leistungsläufern und sie gehen der Leichtathletik verloren. Statt allzu tolerant zu sein, sollte der DLV erst einmal dafür sorgen, dass er seine besten Deutschen bei einer nationalen Meisterschaft an den Start bringt und dafür die entsprechenden Anreize schafft. Schutzzoll statt Freihandel also. Merkwürdig, dass die humanitären Anhänger gelockerter Einwanderungsbestimmungen fast immer erbitterte Gegner z.B. des Freihandelsabkommen mit den USA sind. Schutzzoll oder Freihandel?

Laufmagazin SPIRIDON Von Manfred Steffny

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