Aus SPIRIDON 3/2008
Der Laufstil des Langstreckenläufers
1930 wurde dieser aus dem Finnischen übersetzte Artikel von Lauri Pihkala in dem Buch „Athletik – ein Handbuch der lebenswichtigen Leibesübungen“ von Dr. Carl Krümmel veröffentlicht. Pihkala war der Trainer vieler finnischer Olympiasieger und Weltrekordler. Paavo Nurmi war mit neun Olympiasiegen und 22 Weltrekorden sein erfolgreichster Schützling. Der Text ist auch heute noch aktuell und sollte auch von Amplituden messenden Biomechanikern gelesen werden.
Von Laura Pihkala
![]() Nurmi im Stundenweltrekordlauf, Berlin 1928 Man beachte, wie kurz bevor der Fuß den Boden erreicht, die entgegengesetzte Schulter und der Unterarm den Körper etwas heben, um den Schritt zu verlängern und das wichtige Gleiten über den Fuß noch weicher zu machen. Das Bild zeigt den idealen Langstreckenstil in der vollkommenen Berherrschtheit der Bewegung. |
Es ist angebracht, darauf hinzuweisen, dass der gute Langstreckenstil nicht nur vom Lauftraining herrührt, sondern vielleicht in viel höherem Grade das Ergebnis allgemeiner Muskelentwicklung und Nervenkontrolle ist, wie sie durch Gehen, Zweckgymnastik und Geländelaufen erworben werden. Wenn viele Voraussetzungen zutreffen, so ist es verhältnismäßig leicht, einen guten Stil zu laufen. Die orthodoxe Lehre von der Beinarbeit schreibt den hohen Zehenlauf vor und verdammt das Laufen auf der Sohle geradezu als ein Verbrechen. Es erscheint mir jedoch, dass die Hauptsache nicht der Lauf auf dem Ballen oder auf der Sohle ist, sondern dass die Beinarbeit gleichzeitig entspannt und leichtfüßig ist; und dass man dies in einem richtigen Sohlenlaufstil besser bewerkstelligen kann als in einem übertriebenen Ballenlaufstil, steht fest. Bei letzterem besteht oft die Neigung, die Fußspitze vorzeitig herunterzudrücken, um die Schrittlänge zu vergrößern. Dies verkrampft aber die Unterschenkelmuskeln und versteift das Fußgelenk so, dass kein Gleiten über den Fuß mehr möglich ist und die Druckkraft des Fußgelenks aufgehoben anstatt vermehrt wird. Hannes Kolehmainen, in der Form des Jahres 1912 und Nurmi während seiner ganzen Entwicklung haben überzeugend genug dargelegt, wie einer auf der Sohle laufen und zur gleichen Zeit nicht nur schnell, sondern auch leichtfüßig laufen kann.
Deswegen halte ich gar nichts von den Theorien über den Ballen- oder den Sohlenlauf. Bevor man den Boden erreicht, muss man sie bis dahin untätigen Beinmuskeln einschließlich des Fußgelenks so gründlich entspannt wie möglich während ihres Fluges durch die Luft ausruhen lassen bis zu dem Augenblick, wo der Fuß den Boden berührt. Das Muskelgefühl des trainierten Fußes veranlasst dann sofort die Betätigung der richtigen Beinmuskeln. Mit weicher Beugung und leichtem Gleiten wird das Knie zum folgenden Schritt vorgehoben, was das Fußgelenk mit voller Sprungkraft unterstützt. Diese Art des leichten Sohlenlaufs verlangt eine Menge Geschicklichkeit, während der Ballenlauf nur eine Angelegenheit der Knöchel- und Unterschenkelkraft ist. Es scheint mir aber, dass die Geschicklichkeit mit der Idee der Kraftersparnis näher verwandt ist als die Kraft. Sonst ist es ganz gleichgültig, ob der Ballen, die Sohle oder die Ferse zuerst den Boden berühren, wenn nur das Fußgelenk und die Beinmuskeln darüber so lange wie möglich entspannt bleiben und das Gleiten so weich und schnell ist, als wenn der Boden glühend wäre.
Der empfohlene Stil hat ferner den Vorteil, dass er einen wirkungsvolleren Übergang in eine andere Gangart und zum Sprintstil im Endkampf erlaubt. Natürlich muss der Langstreckenschritt schnurgeradehaus gehen, und die Knie müssen dicht beieinander gehalten werden. Wie sehr die Hüfte mitarbeitet, hängt teilweise von der Kraft des Läufers, teilweise von der Geschwindigkeit seiner Beckenmuskulatur und teilweise von seiner Armarbeit ab.




