Vom Laufküken zur Weltklasse-Athletin

Vom Laufküken zur Weltklasse-Athletin
Von Artur Schmidt Pistole.

Mit 5 Jahren Bambini-Läuferin, mit 17 Jugend-Olympiasilber, Europameisterin in der U20 und der U23. Erfolge auf der Bahn, beim Crosslauf und 2017 mit 20 Jahren auch Rekorde auf der Straße.

Alina Reh ist Athletin im sogenannten Perspektivkader des DLV für Olympia 2020 in Tokio. Artur Schmidt hat sie als Moderator von Kindesbeinen an beobachtet und beschreibt Werdegang und Erfolge der Ulmerin. Die Stunde der Wahrheit hatte für Alina begonnen. Begleitet von ihrem Trainingskollegen Darko Tesic und ihrem Trainer spulte sie km für km nach vorgegebenem Zeitplan ab. Sie spürte nach 16 km, dass es heute ihr Tag war. Der Rekord, an den sie im Vorfeld nicht geglaubt hatte, war in greifbarer Nähe. Jetzt nur nicht langsamer werden, wohl wissend, dass die letzten 5 km ohne Begleiter die härtesten würden. Hinzu kam die Beschaffenheit der Strecke. Enge Gassen, Kopfsteinpflaster, leichte Anstiege, all das sprach nicht für eine weitere Steigerung auf dem letzten Teilabschnitt. Nach ca. 18 km wurde ich über eine Zwischenzeit informiert, die nach schneller Hochrechnung nicht zu dem angestrebten Rekord führen konnte. Ich wurde am Mikrofon leiser, ein wenig Enttäuschung lag schon in meiner Stimme. Ich traute mich nicht mehr, die Spannungsmomente bis hin zu einem möglichen Rekord dem sachkundigen Ulmer Publikum mitzuteilen. Ungeduld und Spannung in mir wuchs. Ich konnte nicht mehr im Ziel stehen bleiben, lief ca. 300 m vor, Richtung Zielgerade. Dann sah ich sie auf der Straße. Ich wusste nun, dass die Zwischenzeit eine Fehlinfo war. Es könnte mit dem Rekord klappen. Mit weit aufgerissenen Augen kam sie mir entgegen. Ich schrie ihr nach: „Alina geh, geh!!!!“. Ich sah die Zieluhr.

Nun war es gewiss, sie hatte den Rekord geknackt. Alina Reh vom SSV Ulm 1846 hatte etwas ganz Großes geschafft. Im Rahmen des 12. Einstein Marathons hatte sie über die Halbmarathondistanz in 1:11:20 h den deutschen Rekord in der U23 im Halbmarathon an die Donau geholt. Im Ziel stand sie mit hocherhobenen Händen unter jubelnden Fans und ließ sich feiern. Die Anstrengungen der vergangenen Stunde waren ihr nicht anzusehen. Entspannt und lächelnd zufrieden nahm sie den Applaus ihrer Fans entgegen. Die Bilder gemeinsam erlebter Wettkämpfe gingen an mir in diesem Moment vorüber. Ich freute mich auf meine Art. Es war ein langer und beschwerlicher Weg, den die beste württembergische Läuferin aller Zeiten, ALINA REH 2009 als 12-jährige Jugendläuferin mit Moderator und Autor dieses Beitrages Artur Schmidt (oben) sowie neun Jahre später als Klasseathletin in der Halle über 3.000 m.

Manfred Steffny mit der Jugend-Olympiazweiten und Junioren-Europameisterin Alina Reh
nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 2015 in Nürnberg.

Foto: Schaake
Laufmagazin SPIRIDON Ausgabe 4/18

Rote Karte für den DLV – Von Manfred Steffny

Rote Karte für den DLV
Von Manfred Steffny

Seit Beginn seiner Amtszeit als Marathon-Veranstalter in der hessischen Metropole gibt Jo Schindler ein Buch über den jährlichen Frankfurt Marathon heraus. Im Gegensatz zu anderen Veranstaltern, die mit solchen Prachtschinken angefangen haben und es wieder sein gelassen haben, setzt Schindler Jahr für Jahr diese Reihe fort. Inzwischen hat das Werk auch vom Inhalt her Format gewonnen und seine Linie gefunden, die von braven oder betulichen Grußworten, einer Anreihung von Bildfolgen und der Aufzählung, wieviel Getränke und Bananen ausgegeben wurden, deutlich abweicht. Frau des Jahres in Frankfurt ist eindeutig – egal wer die Gesamtwertung gewonnen hat – die Frankfurterin Katharina Heinig mit einem emotionalem Titelbild als deutsche Meisterin. Eindrucksvolle Porträts von Läufern und Läuferinnen, die sonst nicht im Mittelpunkt stehen, Menschen und Köpfe beherrschen das dezent mit auch schwarzweiß-Passagen gestaltete Buch unter Federführung von Alex Westhoff und Steffen Gerth. Hergestellt ist es vom Regensburger Grafikbüro Gegensatz mit dem Titel „36. Mainova Frankfurt Marathon 2017“ auf dem Deckel.

Für Renndirektor Jo Schindler ist das ansehnliche Werk auch die passende Gelegenheit, nach drei Jahren als Veranstalter der deutschen Marathonmeisterschaften Bilanz zu ziehen. Und die ist ernüchternd. Dabei sieht er zwei Seiten einer Medaille. Die eine wird von den Athleten dargestellt. „Wir hatten wunderbare Erlebnisse, ja ich würde sogar von Sternstunden in der über 30-jährigen Geschichte des Mainova Frankfurt Marathon sprechen mit den deutschen Spitzenathleten und tollen Altersklassenläufern.“ Die Kehrseite der Medaille ist die nicht vorhandene Zusammenarbeit mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband. Die nennt Schindler erbärmlich und einen Skandal. Andere Veranstalter in den Vorjahren fühlten sich ebenfalls gemolken und als Durchlauferhitzer für Startgelder, aber so hat noch kein Veranstalter dem DLV öffentlich die Leviten gelesen. Daher drucken wir hier die wichtigsten Passagen ab:

„Es gilt festzustellen, dass die sportlichen Highlights allein an uns und unserem besonderen Verständnis von Marathon in Frankfurt lagen. Denn das Engagement des Verbandes für seine Meisterschaft ist erbärmlich – das hat mich wirklich schockiert. Wir haben jedes Jahr über 100.000 Euro in die Startfelder der deutschen Marathonmeisterschaften investiert, um die Läufer nachhaltig zu unterstützen. Dies hatten wir zu Beginn auch dem Verband gegenüber angekündigt. Nur gab es in diesen drei Jahren leider kein einziges sportlich inhaltliches Gespräch zwischen dem DLV und uns. Es gab lediglich Gespräche mit der Vermarktungsagentur des DLV über die Lizenzgebühr, die wir an den Verband zu zahlen haben und danach organisatorische Abstimmungsgespräche. Inhaltlich war dem Verband seine Meisterschaft völlig egal und das halte ich persönlich für einen Skandal. Wer mich kennt, weiß, dass ich dem DLV und seiner Agentur DLM stets kritisch eingestellt war. Ich war immer der Ansicht, dass die zu wenig aus dem ,langen Laufen` machen. Aber dass es so wenig ist, wie ich es in diesen drei Jahren nun erlebt habe, das hätte ich dennoch nicht für möglich gehalten.“

Dabei hatte die „motion events GmbH“ große Anstrengungen unternommen, das angeschlagene Renommee der deutschen Marathon-Titelkämpfe deutlich anzuheben. „Unser Ziel war es, die deutschen Topathleten nachhaltig zu unterstützen, ihnen eine schöne, medial herausragende Bühne in Frankfurt zu bieten und damit in der Rückkopplung natürlich auch einen Imagegewinn für den Mainova Frankfurt Marathon erzielen zu können. Einer meiner ersten Vorschläge an den DLV war, den Fernsehvertrag, der zwischen dem Verband und der SportA (Sportrechteagentur der öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten) besteht, zu nutzen, damit auch die deutschen Marathonmeisterschaften in ARD oder ZDF gezeigt werden. Natürlich nicht live, das macht das hr-Fernsehen seit Jahren als unser Partner ganz hervorragend, aber eine 15-minütige Zusammenfassung sollte möglich sein. Leider hat der DLV dies nie verfolgt. Weshalb nicht, das wurde mir nie erläutert. Meine Nachfrage blieb unbeantwortet. Wir hatten die Absicht, die deutschen Marathonmeisterschaften wirklich wieder zu einem Wettkampf der besten deutschen Marathonläufer zu machen. Hierfür waren wir bereit, viel Geld in die Hand zu nehmen, denn deutsche Profiathleten, die ihren Lebensunterhalt durch ihren Sport verdienen müssen, können nun mal nicht nur für eine Urkunde des DLV an einer Meisterschaft teilnehmen. Dies gelang uns teilweise.“- „Allerdings wollten trotz finanziell guter Angebote nicht alle bei einer DM laufen.“ Schindler weiter: „Mir ist in diesen drei Jahren klar geworden, dass der deutsche Meistertitel den Läufern relativ egal ist. Und da kommt wieder der Verband ins Spiel.“

Schindlers dreijähriger Aufbauplan sah so aus: im ersten Jahr bei der DM Einsatz als Tempomacher, im zweiten Jahr ein Marathonversuch, im dritten Jahr voll einsteigen, weiterhin Läufer aus der dritten Reihe zu fördern mit dem Frankfurter Marathon als Basis. „Leider auch hier: kein Thema für den Verband, keinerlei Gespräch. Nichts. Das finde ich sehr enttäuschend, für uns, aber auch für die deutschen Marathonläufer, einen Verband zu erleben, dem dies alles völlig egal ist. Das macht wenig Mut, auf den Leistungssport zu setzen. Selbstverständlich hatten wir Gespräche mit örtlichen Trainern und Athleten. Der DLV als solcher trat aber nie in Erscheinung, um diese Meisterschaften für seine Athleten zu nutzen.“

Eine neuerliche Bewerbung um eine Marathon-DM käme nur bei einem „sportlichen Signal und einem klaren Konzept hierzu“ in Frage. Unausgesprochen ist, dass der Verband dem Ausrichter einer deutschen Meisterschaft seine Sponsoren aufs Auge drückt, und wenn das beim DLV Nike ist und in Frankfurt Asics und in Berlin Adidas, dann gibt es Ärger von der Startnummer bis zu Werbeaufstellern und bis zu dem Einsatz von Hasen, die auch wieder über ihre Manager oder ihre nationalen Landesverbände mitmischen. Klar, dass da auch die Interessen der Senioren an einer Aufwertung ihrer Meisterschaft auf der Strecke bleiben, von der Startnummer bis zur Startaufstellung und bis zur mit „6- „ zu bewertenden DLV-Ergebnisliste. Ob sich da bei der Marathon-DM in Düsseldorf am 29. April etwas verbessert, werden wir sehen. Erst mal startet der deutsche Olympiateilnehmer Pflieger am gleichen Tag in Hamburg und der zweite deutsche Olympiateilnehmer Flügel sagte seine DM-Teilnahme verletzt
ab. Die DLV-Trainer Langstrecke sind wieder mal dem Gehertrainer unterstellt, arbeiten auf Honorarbasis. Straßenlauf und Crosslauf sind laut DLV-Definition „stadionferne Disziplinen“. Damit die Läufer das auch merken, werden sie regelmäßig zur Cross-DM nach Ohrdruf geschickt, 5.000 Einwohner, 27 km Luftlinie von Erfurt entfernt, ohne Bahnanschluss und nur per Linienbus mit Umsteigen erreichbar. Das ist den DLV-Leuten in Darmstadt genauso egal wie die Marathon-Situation. In Darmstadt gibt es zwar den führenden deutschen Crosslauf, aber mit dem Veranstalter Wilfried Raatz liegt der DLV über Kreuz.

  • Laufmagazin SPIRIDON Ausgabe 4/18

Was bekommt man für seine Startgebühr?

Wer bei den größten Marathons an den Start gehen will, muss tief in die Tasche greifen. Die meisten Großveranstaltungen werden im kommenden Jahr noch teurer, hingegen sind die Startgebühren bei den kleineren Marathons zumeist gleichgeblieben. Hamburg nimmt nun 70 € für die ersten 22.000 Anmeldungen und erhöhte auf satte 100 € für alle nachfolgenden Meldungen. Immerhin werden in der Hansestadt treue Teilnehmer mit Preisnachlässen belohnt. Weiterlesen

Schutzzoll oder Freihandel?

Die Läufer der 80er Jahre hatten es gut. Der Lauf auf der Straße begann seinen Siegeszug, Crosslauf war noch populär. Es gab große Laufabteilungen, nicht zusammengewürfelte LGs wie heute so oft. Geburtsstarke Jahrgänge drängten zum Sport. Triathlon galt noch als exotisch. Die deutschen Leistungsläufer lebten in einer Art Schutzzoll, im Osten vom Staat gehätschelt, im Westen von Sponsoren gefördert. In der Region war man ein kleiner König, der im Volks- oder Straßenlauf von Sieg zu Sieg eilte, zumindest in der Teamwertung. Der Westler lief unter dem Schutz von Mauer und Eisernem Vorhang ohne Konkurrenz aus dem Osten. Vereinzelt tauchte mal ein Student aus Afrika auf, der einem den Sieg streitig machte. Die Läufer waren motiviert, sie trainierten in Gruppen täglich viele Kilometer. Es gab sogar »Lauf-Kommunen« wie in Darmstadt oder Fürth. Der Leistungsstandard war wesentlich höher als heute. Heute haben wir Freihandel in der Laufszene.

Mit einem Drei-Monats-Visum darf ein kenianischer Läufer einreisen, wenn ein Manager oder Veranstalter für ihn bürgt. So kam es, dass bei jedem x-beliebigen Lauf plötzlich aus einem Pkw vier Kenianer sprangen, begleitet von ihrem Manager und die Prämien unter sich aufteilten. Nur wenige wurden populär wie Tendai Chimusasa oder Tegla Loroupe. Die meisten verschwanden wie sie kamen und beim nächsten Mal waren andere da. Die Laufarbeiter wurden dabei in der Regel weder reich noch glücklich, manche schnell ausgebrannt. Erst einmal mussten Flug- und Aufenthaltskosten wieder reinkommen abzüglich der Provisionen für Manager, in der Regel 15% und ca. 20% Steuer, wenn kein Schwarzgeld gezahlt wurde. Landauf-landab gewannen Kenianer, auch in den Nachbarländern. In der Gruppe war oft nicht der Beste vorn, sondern wer gerade dran war. Polen, Tschechen und Weißrussen fuhren oft samstags 1.000 bis 2.000 km in kleinen Skodas oder Ladas zu den Wettkämpfen und Sonntag abends zurück, weil der Veranstalter kein Hotelzimmer zahlen wollte. Die Grenzen lockerten sich auch für Äthiopier, wo früher wie in Osteuropa der Verband die Preisgelder kassiert hatte. In Spanien herrschte eine Zeitlang unter der sozialistischen Regierung die Regel: wer ein Rückflugticket in der Tasche hatte und 500 Euro, durfte einreisen. Viele, darunter auch einige afrikanische Läufer, nutzten dies und blieben um Asyl bittend. Das Bild wurde immer bunter durch verschiedenste Nationen in ihren politischen Krisen. Wer aus keinem Krisenland kam, schmiss seine Papiere weg und behauptete je nach Krisenlage, er sei Libanese oder Syrer, auch wenn er aus Jordanien eingereist war. Neu sind nun die sportlichen Flüchtlinge aus Ostafrika, die nicht – wie irrtümlich gemeint – auf Schiffen nach Lampedusa schippern, sondern nach einem Start bei internationalen Wettkämpfen einfach in Europa bleiben. In der Regel werden sie dazu von interessierten Kreisen animiert, ja verlockt. Zur Zeit betrifft dies hauptsächlich Eritreer. Die Verlockung ist groß, in den westlichen Industrienationen zu bleiben, nicht nur für Sportler.

Ca. 80% der jungen Menschen in Äthiopien würden sofort ihren armseligen Koffer packen, wenn sie schon mal so weit gekommen sind, nicht mehr in einem Provinzdorf in einer Holz- oder Blechhütte zu wohnen, sondern in Addis in einem winzigen Steinhäuschen ohne Wasseranschluss. Im ärmeren und repressiveren Staat Eritrea, der sich im Bürgerkrieg von Äthiopien gelöst hat, tendieren die jungen Auswanderungswilligen gegen 100%. Trotzdem sollte man m.E. diese jungen Leute nicht animieren, nach Europa oder Amerika – am liebsten wollen sie nach Kanada – zu emigrieren, sondern ihre Situation im Land verbessern. Das wusste der frühere Bundespräsident Köhler besser als der jetzige. Hilfsprogramme, um die Situation im Land zu ändern und nicht nur Regierungen mit Entwicklungsgeldern vollzustopfen, sind angesagt. Es gibt sie. Im Kleinen fördert dies z.B. Haile Gebrselassie, der ca. 400 Menschen in Äthiopien Brot und Arbeit gibt und die Athleten warnt, im Ausland zu bleiben. Freundschaften und Austausch zwischen Ostafrika und Mitteleuropa unterstreichen dies. Man sollte sich sehr überlegen, den Zustrom von Migranten zu vereinfachen. Dabei werden Läufer und Läuferinnen immer nur einen winzigen Anteil bilden. Aber man bedenke: ca. 2.000 Läufer trainieren in Camps, in losen Gruppen oder alleine Tag für Tag. Sie haben keine Arbeit und keine andere Perspektive, als ihren Vorbildern nachzuahmen und mit Laufen Geld zu verdienen. Je 2.000 in Kenia und Äthiopien, Zahlen aus Eritrea, Uganda und Tansania mit ähnlichem Reservoir an Talenten sind nicht bekannt. Vermutlich liegt die Leistungsfähigkeit dieser Unbekannten, die normalerweise nicht aus ihren Ländern herauskommen, zwischen knapp 29 bis 32 min über 10 km. Wer dort langsamer läuft, wird ausgelacht. Man sehe sich die Weltbestenlisten an und sollte sich vergegenwärtigen, dass Stefan Freigang zu seinen besten Zeiten 106. oder 108. bei Kenias Crosslaufmeisterschaft geworden ist. Sollen die alle animiert werden, nach Europa zu kommen? Es ist schön und gut, wenn unsere Straßenläufe durch Spitzenkönner aus dem Ausland angereichert werden. Aber dass man nach einem Jahr in einem deutschen Verein als Asylbewerber deutscher Meister werden kann, ist zuviel des Entgegenkommens. Im Jahr danach ist der/die auf der Durchreise nach Holland, Frankreich oder Kanada. Das gilt auch für die Blazinskis und Rybaks, die mal Pole oder Russe sein wollen und mal Deutsche. Und der deutsche Nachwuchs ist um Titel betrogen, die er braucht, wenn er schon international nicht mithalten kann. Schon bei der Cross-EM gewinnen jetzt naturalisierte Afrikaner. Gut und legitim, wenn sie den Einwanderungsprozess durchlaufen haben und Deutsche oder Spanier geworden sind (der 800-m-Weltrekordler Wilson Kipketer musste in Dänemark sieben Jahre dafür warten) und sich zur neuen Heimat bekennen. Auf einen Homiyu Tesfaye kann man hierzulande stolz sein.

Der somalische Flüchtling Mohammed Farah ist schulisch und sportlich sozusagen ein britisches Erzeugnis. Die Rasse spielt da keine Rolle. In diesem Heft lesen wir von Triathlon-Meisterschaften, wo Deutsche sich hinter Ausländern platziert haben, aber als nationale Meister gekürt wurden. Das ist in den meisten wichtigen Sportarten so. Bei US-Meisterschaften dürfen nur US-Angehörige starten. Und in Rotterdam etwa wird beim Marathon ein neues Zielband gespannt für die nationalen Meister. So sehr das nebenstehende Experiment von »offenen westdeutschen Meisterschaften« interessant ist, voll zustimmen kann man nur, wenn es auch zwei Titel gibt, den internationalen und den nationalen. Warum auch nicht? Andernfalls wächst der Frust unter den zahlenmäßig abnehmenden deutschen Leistungsläufern und sie gehen der Leichtathletik verloren. Statt allzu tolerant zu sein, sollte der DLV erst einmal dafür sorgen, dass er seine besten Deutschen bei einer nationalen Meisterschaft an den Start bringt und dafür die entsprechenden Anreize schafft. Schutzzoll statt Freihandel also. Merkwürdig, dass die humanitären Anhänger gelockerter Einwanderungsbestimmungen fast immer erbitterte Gegner z.B. des Freihandelsabkommen mit den USA sind. Schutzzoll oder Freihandel?

Laufmagazin SPIRIDON Von Manfred Steffny